
Passauer Neue Presse vom 23.02.2010

Kompromisslos: Dirigentin Lina vom Berg beschließt Passauer Konzertwinter

Jeder Blick und jede Geste formuliert ihren Anspruch: Lina vom Berg führt die Gesellschaft der Musikfreunde zu einer Topleistung. (Foto: Scholz)
Aus dem Vollen schöpfen zu können, das wünscht sich jeder Konzertveranstalter, nur wenigen ist es gegönnt. Die Gesellschaft der Musikfreunde Passau gehört wohl dazu - dank zahlreicher Sponsoren und regen Publikumszuspruchs, dank der Kooperation mit der Südböhmischen Kammerphilharmonie Budweis und eines Chores von bemerkenswerter personeller und sängerischer Substanz, und nicht zuletzt dank einer musikalischen Leiterin von seltenem Format, bei der alle Fäden zusammenzulaufen scheinen. Lina vom Berg als Dirigentin stand auch im Mittelpunkt des Psalmenkonzerts mit dem „Psalm 42“ von Felix Mendelssohn Bartholdy und den „Chichester Psalms“ von Leonard Bernstein, das der Passauer Konzertwinter am Sonntag in St. Peter präsentierte. Ihr Dirigat fordert mit Händen und Augen kompromisslose Präzision, weist jedem einzelnen Musiker seinen Platz zu. Wie mit dem Seziermesser präpariert sie Einsätze und Schlusswendungen ebenso akribisch heraus wie dynamische Wechsel und neue Klangfarben. Nie kommt auch nur der leiseste Zweifel auf, dass sie allein Herrin des Geschehens ist. Der Chor der Musikfreunde hat dabei keinerlei Mühe, diese so klar artikulierten wie ambitionierten Ansprüche umzusetzen. Er geht jedes Tempo souverän mit, ohne die Verständlichkeit zu opfern. In allen Lautstärken herrscht ein klarer, kontrollierter Ton, der seine Ebenmäßigkeit nicht zuerst aus der Masse an Sängern bezieht, sondern eindeutig aus deren Klasse. Keinen leichten Stand hatten angesichts dessen die Sopransolistinnen, doch beiden gelang es, den spezifischen Reiz ihrer Partien überzeugend zur Geltung zu bringen. Anja Zügner im Mendelssohn gestaltete mit textadäquat melodramatischem Duktus, Theresa Krügls mädchenhaft zartes Timbre verlieh Bernsteins manchmal an Filmmusik oder Musicals erinnernder Melodik einen überaus lyrischen Charakter. Das Orchester ergänzte die hervorragende Vokalkultur mit absolut sicherem und zuverlässigem Spiel. Gerade in Bernsteins differenzierter Partitur mit vier gut beschäftigten Schlagzeugern und zwei Harfen bewährte sich die Unterordnung unter Lina vom Bergs konsequente Leitung, die dazu die Streicher in Samuel Barbers „Adagio for strings“ mit bis zum Bersten ausgereizten Spannungsbögen zu einer beachtlichen Leistung herausforderte. Der Applaus für die Musiker war entsprechend ausgiebig und hochverdient.
Tobias Weber

Passauer Neue Presse vom 25.01.10

Österreichische Harmonixen in der Passauer Redoute
Sie sind die weibliche Antwort auf die Comedian Harmonists in den 20er Jahren und in manchen Situationen sogar noch viel mehr. Dann setzen sie auf ihre Arrangements der bekannten Lieder noch eine Schippe Humor oben drauf. Die Rede ist von den vier österreichischen Sängerinnen der Harmonixen, die am Samstagabend vor rund 200 Besuchern in der Passauer Redoute auftraten. Das Publikum war begeistert von der Vorstellung des A-cappella-Ensembles um Astrid Krammer (Alt), Claudia Meller (Sopran), Eva Kumpfmüller (Sopran) und Rita Höllhuemmer (Alt) und klatschte frenetisch nach jedem Stück. Die in schwarz gekleideten Mittdreißigerinnen mit großer roter Blume im Haar, zeigten von Anfang an ihre hohen gesanglichen Fertigkeiten. Es war eine Wiedergabe von bekannten Nummern, viele davon noch aus der Zeit, in der das Grammofon in jedem Wohnzimmer stand. Und doch schafften die Harmonixen es durch ihre Bühnenpräsenz, ihre ausgeprägte Mimik und einzelnen dekorativen Hilfsmitteln die Stücke völlig neu erklingen zu lassen. „Kein Schwein ruft mich an“ war herrlich erfrischend, „Lass mich deine Carmen sein“ durch die in Bewegung umgesetzten Refrainzeilen zum Brüllen komisch, ebenso wie die Handschuh-Würmer bei „So ein Regenwurm hat’s gut“. Der Wechsel zwischen heiteren und ernsten Momenten war es, die das Programm so vielseitig und gleichzeitig besonders machte. Die Harmonixen wollten nicht allein mit witzigen Einlagen überzeugen, es sollte die Stimme im Vordergrund stehen. In Federboas sangen sie mit viel Gefühl „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ oder „Natural Woman“. Keine albernde Gestik, keine übertriebene Mimik. Dafür immer wieder glänzende Solostimmen, die manchmal jedoch in den höchsten Tönen durch das Mikrofon leicht verzerrt wurden. Weshalb die vier stimmgewaltigen Sängerinnen überhaupt zum Mikrofon griffen, bleibt offen. Trotzdem tat es dem schönen Abend keinen Abbruch. Andrea Poschinger

Passauer Neue Presse vom 14.12.09

Heinrich-Schütz-Ensemble und Sonare Linz beim Konzertwinter in Passau
Feierlich und getragen füllten die ersten Töne aus Georg Friedrich Händels Concerto grosso in B-Dur am Samstagabend den Kirchenraum St. Peter. Das durchgehend mit zwei Violinen und Cello besetzte Stück läutete das dritte Konzert im Rahmen des Passauer Konzertwinters ein. Gespielt vom Ensemble Sonare Linz, wich die Langsamkeit des Anfangs nach fordernden Klängen der Streicher zu Beginn des zweiten Satzes in einen beschwingten, tänzerischen Part, der an Lautstärke zunahm, um wiederum im folgenden Largo zur ruhigen Spielweise des Beginns zurückzukehren. Festlich ging es mit dem Utrechter Te Deum weiter. Nach pompösem Lobpreis des Herrn lässt der zweite Satz, „To thee all angels“ sowohl die Solostimmen als auch zeitgleich den Chor des Heinrich-Schütz-Ensembles Vornbach (Leiter: Martin Steidler) erklingen. Hervorzuheben ist der gefällige, harmonische Klang der Solostimmen sowohl untereinander mit Ursula Langmayr, Theresa Grabner (beide Sopran), Gerda-H. Reiter (Mezzosopran) sowie Tenor Michael Nowak und Matthias Helm (Bass), als auch im Zusammenklang mit dem Chor. Stimmgewaltig erklingt der dritte Satz „To thee Cherubim“. Der siebte Satz, den Händel einzig mit der Textzeile „Day by day we magnify thee“ unterlegt hat, führt vor allem durch den Einsatz zweier Trompeten zu großer Festlichkeit. Johann Sebastian Bachs „Magnificat“-Vertonung strahlt von Anfang an in einer prächtig besetzten Instrumentaleinleitung und dem sich in lebhafter, unbändiger Freude anschließenden fünfstimmigen Chor. Im Wortsinn „erhebend“ wird das scharf akzentuierte Wort „Magnificat“ von den Sängern vorgetragen. Auch hier überzeugt die klagend dargebotene Sopran-Arie „Quia respexit“, überragend gesungen von Ursula Langmayr. In ihr wird die Demut der Magd Gottes versinnbildlicht. Mitten im Satz fällt der Chor ein, der den Satz „Omnes generationes“ in dichtem Gesang aufgreift. Nach dem streng aufgebauten „Sicut locutus est“ folgt das Finale mit einem gewaltig ertönenden „Amen“. Ein bewegender Abschluss eines Konzertabends, den das Publikum mit viel Applaus, besonders für die fünf Solisten und Dirigent André Gold, belohnte. Julia Kirchner

Passauer Neue Presse vom 17.11.09

Passauer Dirigent Martin Steidler mit dem Madrigalchor der Musikhochschule München zu Gast in der Heimat
Passauer Konzertwinter in der Pfarrkirche St. Peter: „Nachtverdichtungen“, „synästhetisches Konzert“ - genauso „spacig“ wie der Titel ist die Optik. Lichtinstallationen von Philipp Stegmüller inszenieren drei fluoreszierendes Bilder von Michaela Pond-Aue in wechselnden Beleuchtungen. LED-Lämpchen an den Notenmappen geben den Sängern des Madrigalchors der Münchener Musikhochschule gerade den nötigsten Schein, um im ansonsten dunklen Raum die Noten zu erkennen, die Pultlampen von Dirigent und Streichquintett erlöschen, sobald sie ihren Dienst getan haben. In die Düsternis hinein erheben sich kontroverse Klänge. Der neutestamentliche Lobgesang des Simeon „Nunc dimittis“ in Vertonungen von Gabrieli, Tallis, Desprez, Purcell und Byrd, daneben moderne Chorwerke mit „Nachtbezug“ von Genzmer, Whitacre, Ligeti, Tormis und Saint-Saëns, eingestreut fünf Sätze für Streichquintett von Cornelius Hirsch (geb. 1954) sowie dessen Chorstück „Nachtfalters Klagpsalter“. Verdichtung und Ästhetik erleben die zahlreichen Hörer vor allem dank des exzellenten Chores, um den man Prof. Martin Steidler beneiden kann. Knapp 50 junge, hochmusikalische Sänger, in allen Stimmlagen trotz etlicher grippebedingter Ausfälle hervorragend disponiert und mit Männer- und Frauenstimmen fast paritätisch besetzt, gekrönt von bestechend souveränen hohen Sopranen, füllen den Kirchenraum mit lichtstrahlendem Glanz bei der 14-stimmigen Motette von Giovanni Gabrieli und betten die Zuhörer in Camille Saint-Saëns „Calme des nuits“ auf ein sanftes Kissen unendlicher und stillster Traumklänge. Liegt es an der Übermacht dieser fast magischen vokalen Kunstfertigkeit, dass das „Radicondoli Projekt“ mit Tibor Jonas und Jee Hae An (Violine), Johanna Jonas und Gertrud Rudhart (Viola) sowie Walter Brachtel (Violoncello) trotz professionell engagierten Spiels nur als Beiwerk zur Geltung kommt? Oder sind es die eher bedrückenden Klänge von Cornelius Hirschs Kompositionen, denen es gegenüber der zeitlosen Ästhetik der „alten“ Kunst nur schwer gelingt, das im Programmheft beschworene „Licht hinter dem Schleier nach Nacht“ widerzuspiegeln? Seine Unsicherheit nimmt der Hörer mit hinaus - in die Novembernacht. Tobias Weber

Passauer Neue Presse vom 27.10.09

Passauer Musikfreunde starteten mit Jugendchorkonzert in die neue Konzertwinter-Saison
Zur Eröffnung ihrer Konzertwinter-Saison 2009/2010 hat die Passauer Gesellschaft der Musikfreunde mit einem Internationalen Jugendchorkonzert am Sonntagnachmittag im nahezu vollbesetzten Rathaussaal der Stadt einmal mehr betont, dass ihr Schwerpunkt eindeutig auf der Vokalmusik ruht. Obwohl bestimmt nicht als solcher gedacht, nahm das Konzert mit dem Oberösterreichischen Landesjugendchor Linz, dem Chor des Passauer Gymnasiums Leopoldinum und dem Mädchenchor Pražká kantiléna aus Prag fast Züge eines Wettstreits an, denn Vergleiche drängten sich unwillkürlich auf. Und dabei musste man als Zuhörer eigentlich zu dem Schluss gelangen, dass alle angetretenen Gruppen ganz besondere Stärken, einen eigenen Charakter herausgebildet haben, den sie in voller Kenntnis auch sehr selbstbewusst einsetzten. Das Programm zeigte sich sehr ungewöhnlich, denn inhaltlich lagen die Schwerpunkte bei Stücken aus Afrika, Amerika und dem slawischen Sprachraum. Nur der Chor des Leopoldinums intonierte unter seinem Leiter Michael Tausch fast zurückhaltend ein deutsches Volkslied, ehe er sich engagiert auf mehr oder weniger Bekanntes aus Amerika konzentrierte. Da diesem Chor vergleichsweise sehr wenig Zeit eingeräumt wurde, verbietet sich ein unmittelbarer Vergleich mit den anderen schon aus Gründen der Fairness. An Intonationsreinheit und rhythmischer Präsenz blieb jedenfalls nichts auszusetzen. Mit einer gehörigen Portion Showtalent, aber auch firm in allem, was heutige Chöre an Traditionellem und Neuem leisten müssen, präsentierten sich die Österreicher unter der Leitung von Alexander Koller, der ab und an auch mal die Trommel schlug. Rhythmus war allenthalben Trumpf. Mustergültig stilgerecht zeigten sich die jungen Sänger aber auch bei alten Chorsätzen etwa von Alessandro Scarlatti oder Claudio Monteverdi. Nach der Pause besetzte eine große Mädchenschar aus Prag das Podium: Der Chor Pražká kantiléna unter seiner plastisch agierenden Leiterin Lea Esserová eroberte sofort die Herzen des Publikums. Es konnte sich dem besonderen Charme der jungen Damen und der dargebotenen Lieder nicht entziehen, die meist kleine Alltagsgeschichten zum Inhalt haben. Beeindruckend war aber auch die eiserne Disziplin, die von diesem Chor ausging, der alles auswendig in manchmal sphärischen Höhen absolut rein intonierte. Instrumental wurden die Sängerinnen zuweilen von Karolina Drtionvá (Violine) und Olga Cviková (Klavier) unterstützt. Allen beteiligten Chören ist besonders hohes Niveau zu bescheinigen, das offenkundig in einer ausgesprochenen Lust an der Sache wurzelt. Insbesondere dieses Element wird vom Publikum besonders empfunden und gewürdigt, weil man eben von vielen jungen Menschen weiß, die mit ihrer Freizeit weit weniger sinnvoll umgehen. Also wurden alle Beteiligten an diesem Nachmittag wohl auch deshalb anhaltend lautstark gefeiert. Hermann Schmidt
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